Spendenkonto

GLS Gemeinschaftsbank eG Bochum
Konto-­Nr. 2009793800 ∙ BLZ 430 609 67
IBAN: DE47 4306 0967 2009 7938 00
BIC: GENO DE M 1 GLS

→ Direkt zum Spendenportal

Mehr als Geld: die Fähigkeit, selbst teilzuhaben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Sören Kiel   

Ein Antwortartikel von Sören Kiel auf den Gastbeitrag von Erika Reglin-Hormann

Wer mit einem Messer die Fensterscheiben der U-Bahn zerkratzt, die ihn gerade von A nach B bringt, hat ganz offensichtlich das Gefühl „irgendwie nicht dazuzugehören“. Von den Betroffenen würden die Gründe dafür nicht unbedingt hinterfragt, schreibt Erika Reglin-Hormann in ihrem Artikel zur Frage der gesellschaftlichen Teilhabe. Wir sollten das aber tun, bevor wir ganz selbstverständlich voraussetzen, die Wurzel der Frustration sei fehlendes Geld und das Problem ließe sich mit Geldzahlungen allein überwinden.

Klar, Hartz IV ist nicht viel. Zwar können sich manche recht gut mit den begrenzten Bezügen arrangieren – vor allem junge Menschen, die es nie gewohnt waren, oft ins Kino zu gehen. Doch für Menschen, die von einem höheren Lebensstandard auf Hartz IV absacken, die vielleicht Kinder haben und größere finanzielle Verpflichtungen eingegangen sind, stellt sich das anders dar. Da ist die Forderung nach mehr Geld verständlich.

Wir sollten jedoch vorsichtig sein, bevor wir Forderungen formulieren. Wenn wir vom Sozialstaat und damit von der Allgemeinheit finanzielle Leistungen erwarten, die allen Menschen bedingungslos „gesellschaftliche Teilhabe an allem, was unser Land zu bieten hat“ ermöglichen sollen, sind wir schnell bei der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von deutlich über 1000 Euro. Wir könnten darüber diskutieren, ob das wünschenswert wäre oder nicht. Es wäre jedoch eine rein theoretische Diskussion, denn der fromme Wunsch ist nicht finanzierbar. Wenn eine der lebendigsten und am schnellsten wachsenden sozialen Bewegungen der Gegenwart ins Utopische abglitte und damit die Chance verspielte, die Menschen in der Mitte der Gesellschaft anzusprechen, die sich reale Lösungen für konkrete Probleme wünschen, wäre das mehr als schade.

Wer als Alleinstehender in einer Stadt wie Hamburg Anspruch auf Hartz IV hat, kann einschließlich der „Kosten für Unterkunft und Heizung“ 780 Euro monatlich beziehen. Wesentlich höher wird ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle auf absehbare Zeit nicht sein können. Diese Tatsache sollten wir akzeptieren: In der Praxis wird ein Grundeinkommen nicht allen Menschen einen Lebensstandard garantieren können, den sie persönlich als annehmbar empfinden.

Bliebe also für diejenigen, für die ein Grundeinkommen nicht mehr Geld bedeutet als heute, ohnehin alles beim gleichen? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Ob die „einsetzende Lähmung und Handlungsunsicherheit, die im Zusammenhang mit Misserfolgen am Arbeitsplatz und im Geschäftsleben auftritt“ weiterhin den Alltag vieler Menschen bestimmen würde, wissen wir nicht, denn diese Erscheinungen sind keine automatische Konsequenz aus einem Jobverlust oder einem Monatseinkommen, das nicht für Filmfestspiele ausreicht. Nicht alle Wege im Leben führen geradeaus. Die Frage ist, wie Menschen damit umgehen.

Das ist zum einen eine Frage der persönlichen Einstellung. Bin ich selbstbewusst genug, mich nicht zu schnell entmutigen zu lassen? Ziehe ich mein Selbstwertgefühl zum größten Teil aus meinem beruflichen und finanziellen Status, oder gibt es anderes, was mir verlässlicher Halt gibt? Zum anderen ist es eine Frage der eigenen Kompetenzen. Wozu nicht nur fachliche, sondern auch soziale Kompetenzen gehören. Wenn ich zum einen über eine finanzielle Grundlage verfüge, die mir bedingungslos und damit ohne behördliche Gängelungen und Zwangsmaßnahmen garantiert wird, und ich zum anderen gut mit Menschen umgehen kann, stehen meine Chancen gut, mir ein passendes Wirkungsfeld für meine Fähigkeiten zu schaffen. Notfalls auch, ohne dass ich dafür bezahlt werde. Damit Erwerbslosigkeit nicht zu Arbeitslosigkeit wird. Denn wirkliche Arbeitslosigkeit lähmt mehr als ein knappes Budget.

Soziale Kompetenzen, die im besten Fall schon im jungen Alter entwickelt wurden, sind entscheidende Voraussetzungen, damit Menschen auch mit wenig Geld nicht aufhören, an unserer Gesellschaft teilzuhaben. Dafür sollte jeder die Erfahrung machen, dass er etwas kann und in der Lage ist, etwas zu erreichen. Auf solche Chancen, das eigene Umfeld mitzugestalten und das eigene Wissen und Können als nutzbar und nützlich zu erleben, zielen die Projekte der Gefat. Wobei wir die Entwicklung der Fähigkeiten und die Frage der Möglichkeiten zusammen denken. Aktive Teilhabe erfordert politische Strukturen, die Mitgestaltung erlauben, und wirtschaftliche Strukturen, die selbstbestimmtes Arbeiten ermöglichen.

Letzteres ist das Stichwort für das Thema Grundeinkommen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen hat vor allem deshalb das Potenzial, aktive Teilhabe zu unterstützen, weil es Menschen ermöglicht, Inhalt und Form ihrer Tätigkeiten stärker selbst zu bestimmen – innerhalb wie außerhalb der Erwerbsarbeit. Dass ein Grundeinkommen zunächst unmittelbar Teilhabe am materiellen Wohlstand ermöglicht, ist die Grundlage für die neuen Gestaltungsspielräume. Entscheidend ist dabei aber nicht, ob das Grundeinkommen so bemessen ist, dass eine heutige Hartz-IV-Empfängerin künftig mehr Geld hat und sich regelmäßig Filmfestspiele leisten kann. Wichtiger ist, dass die materielle Teilhabe – und sei es auf relativ bescheidenem Niveau – durch ein Grundeinkommen bedingungslos garantiert wird. Diese Sicherheit ermöglicht unterschiedliche Lebensentwürfe und neue Formen des Arbeitens und Wirtschaftens. Zusammen mit den Grundlagen, die wir in aktiven Gestaltungsprojekten geschaffen haben, angefangen in der Schule. Denn wir können Menschen keine wirkliche Teilhabe auf ihr Konto überweisen. So wichtig eine finanzielle Grundlage in unserer Gesellschaft auch ist – um sich „seinen Spielraum erschließen“ zu können und seine „grüne Wiese“ zu finden, braucht ein Mensch mehr als Geld: die Fähigkeit, selbst teilzuhaben.

{flattr}gefat;text{/flattr}

 
Gefat e.V.
Gesellschaft für aktive Teilhabe e.V.
c/o Björn Röder
Haubachstr. 52 · 22765 Hamburg
http://gefat.org · kontakt@gefat.org
Telefon (040) 24425712
Telefax (040) 24425714
Spendenkonto:
GLS Gemeinschaftsbank eG Bochum
Konto-Nr. 2009793800 · BLZ 430 609 67
IBAN: DE47 4306 0967 2009 7938 00
BIC: GENO DE M 1 GLS
Sitz: Hamburg
Vereinsregister Nr. 20147
Amtsgericht Hamburg
Steuernr. 17/431/12594