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Filmfestspiele versus Suppenküchen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Erika Reglin-Hormann   

Ein Gastbeitrag von Erika Reglin-Hormann.

Was ist gesellschaftliche Teilhabe?

Der OscarIm Zusammenhang mit der Hartz IV Debatte und dem durch das Bundesverfassungsgericht festgestellten Umstand, dass die Regelsätze nicht verfassungskonform sind, darf man davon ausgehen, dass die Richter in etwa eine Ahnung von diesem Begriff hatten. Das erfordert eine abstrakte Denkfähigkeit. Danke, liebe Richter.

Bei dem Beschluss, wie viel Geld jemand erhalten soll, der es nicht selbst erwirtschaftet, ging man davon aus, dass dieser jemand wohnen, essen und sich ein paar Biere leisten können soll. Würde dieser jemand in den Slums von Brasilien leben, hätte man ihn damit wohl zu einem Privilegierten gemacht. Doch wir sind in Deutschland. In einem Land, bei dem dem Arbeitslosen an jeder Ecke die Dinge begegnen, die er sich nicht leisten – an denen er nicht teilhaben – kann.

Im Fernsehen die Oscars, draußen die Littfasssäulen mit bunten Bildern von Premierenaufführungen, schicke Restaurants, auf deren Tischen frische Blumen stehen und duftendes Essen serviert wird, auf den Straßen viele neue Autos, in den Supermärkten täglich frisches Obst und Gemüse, beim Schlachter feinstes Lammkarree, in den Boutiquen die neuesten Modetrends, Schuhe aus Italien, in den Regalen Transformer-Spielfiguren, die so viel kosten, wie ein ganzer Einkauf bei Lidl, in den Bioläden genfreies Food und umweltverträglich geernteter Kaffee.

Wer sich solche Dinge leisten will, muss dafür hart arbeiten. Doch wie betrachtet sich das von außen? Diejenigen unter uns, denen man solcherlei Möhren vor die Nase schwenkt, kriegen die nicht langsam die Wut? Müsste man meinen. Sozialstudien zeigen jedoch, dass die so genannte Unterschicht sich längst nicht die Gedanken macht, wie die Schicht der Menschen, denen sich das soziale Jenseits drohend ins Blickfeld rückt. Die allgemeine Gerechtigkeitsdebatte wird zwar umso mehr im Namen der “Habenichtse” geführt, doch steht dahinter die Angst, dass man selbst von einem Tag auf den anderen zum Hartz IV-Empfänger degradiert werden könnte.

Im Dasein auf der Straße und dort, wo man sich keine Mitgliedschaft im Verein leisten kann, um destruktive Energie gefahrenfrei zu kanalisieren, wo es um billige Ersatzbefriedigung mittels wertloser Konsumgüter geht, gibt es keine Bewusstwerdung des eigenen menschlichen Wertes. Das Gefühl, irgendwie nicht dazuzugehören, ist dennoch da. Die Gründe dafür werden aber nicht unbedingt von den Betroffenen hinterfragt. So trifft man hier und da Jugendliche auf Spielplätzen, die dort einfach nur herumhängen und andere ärgern. Die Erwachsenen despektierlich begegnen und so etwas wie Benimmregeln nicht kennen gelernt haben. Die bemitleidet man entweder oder wendet sich entsetzt ab. Oft macht sich Aggression breit, die dem gerechten Bürger verbale Übergriffe erlauben. Von Verständnis und friedlicher Anbahnung kann da nicht unbedingt die Rede sein.

Was treibt hochrangige Politiker, diese Kluft noch zu vergrößern?

Der Gedanke, dass Männer und Frauen, die ihrerseits keine derartigen Ängste kennen und sie vielleicht nie kennen lernen werden, sich jenseits von Vorstellungskraft bewegen, liegt sehr nahe. Wenn man die viel benutzte Aussage heranzieht, dass sich ein Politiker meilenweit vom eigenen Volk entfernt hat, so ist dies etwas, das tausendprozentig zuzutreffen scheint. Die Fähigkeit, sich in die Situation – und dabei geht es nicht allein um die finanzielle Lage – sondern auch noch in das Gefühlsleben von Menschen hineinversetzen zu können, die nichts haben, scheint den meisten Menschen nicht zu gelingen, wenn sie nicht zumindest einmal in ihrem Leben ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Oder aus Elternhäusern kommen, wo sie hautnahe Erlebnisse mitnahmen.

Das Abrutschen in die Insolvenz, die monatelange Arbeitslosigkeit, der Rückzug ins Private, die einsetzende Lähmung und Handlungsunsicherheit, die im Zusammenhang mit Misserfolgen am Arbeitsplatz oder im Geschäftsleben eintritt, sind Mechanismen, die Menschen mit linearen Lebensläufen schlicht nicht verstehen können. Wenn immer nur alles geradeaus läuft, weiß man nicht, wie das ist: auf dem Pannenstreifen zu landen. Und dort möglicherweise zu enden.

Tragisch: die Offensichtlichkeit, mit der Menschen in hochrangigen Positionen versuchen, Empathie zu empfinden, ihnen dies aber nie in der letzten Konsequenz gelingt. Ein Außenminister, der sich so überaus hitzig echoffiert, mutet seltsam an und gewiss kauft man ihm darum diese Art des Gerechtigkeitsplädierens nicht ab. Wer so auf den Begriff der “Leistung” pocht, dem wurde der Wert des Leistens vermutlich stockweise vermittelt. Wenn vielleicht nur im metaphorischen Sinne. Symptomatisch – auch für so viele andere in der Politik.

Mancher ist dabei, der glücklicherweise ein tieferes Verständnis mitbringt und erkennt, dass Mitgefühl wichtig ist, aber allein nicht ausreicht. Er erkennt den Gesamtzusammenhang, er erkennt an, dass seine eigene privilegierte Vergangenheit etwas aus ihm gemacht hat. Ob aus eigener Kraft ein “erfolgreiches Leben” zu führen oder aufgrund von Beziehungen, die das A und O des gesellschaftlichen Zusammenlebens darstellen, sei dahin gestellt. Menschen ohne Macht verfügen weder über Kapital noch über die viel wichtigeren Beziehungen, um Entscheidungen in Frage zu stellen oder sie zu lenken. Wer keine eigene Stimme hat, ist dankbar für solche, die seine Interessen wahr nehmen.

Bildung und Verstehen vorausgesetzt, bin ich darum der tiefen Überzeugung, dass die gesellschaftliche Teilhabe an allem, was unser Land zu bieten hat, unbedingte Voraussetzung ist, um uns besser zu machen. Der Wille, den Graben zwischen Unter- und Mittelschicht nicht noch künstlich zu vergrößern, muss da sein. Es geht nicht darum, dass alle Menschen Brüder werden müssen. Es geht darum, es ihnen zu ermöglichen, wenn sie es denn wollen. Eine Klassengesellschaft, die sich in friedlicher Ko-Existenz behaglich einrichtet, warum nicht? Eine Eliminierung der Klassen wird nie in der Vollendung gelingen – muss es auch nicht, wenn die Rahmenbedinungen stimmen.
Wer kein Intellektueller sein will, der ist es eben nicht. Damit würden dann vielleicht auch die drangsalierten Kinder der vierten Grundschulklasse endlich dem Druck enthoben, unbedingt die Gymnasialzulassung schaffen zu müssen.

Noch wichtiger scheint es, dass man denen, die nach wie vor ganz andere Vorteile genießen, sei es in materieller Hinsicht oder seien es Machtstellungen, dies nicht länger so vehement vorzuwerfen bräuchte. Wenn der Einzelne, ausgestattet mit genügend Teilhabe, sich seinen eigenen Spielraum erschließen kann, verschwendet er weniger Zeit darauf, sich feindliche Gedanken um die Großwiesenbesitzer zu machen. Er sieht zu, wie er mit sich und seinen Schäfchen eine grüne Wiese findet. Und egal, wo er hinblickt: Wiesen allerorten.

Tschüss, Suppenküchen.

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Zur Autorin: Erika Reglin-Hormann ist Mitglied im Hamburger Netzwerk Grundeinkommen und veröffentlicht als freie Autorin und Texterin in Ihrem Blog „Welcome the Future“ in regelmäßigen Abständen anregende Beiträge zu politisch und gesellschaftlich bewegenden Themen.

 
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